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ETF-Experte Timo Spies von Franklin Templeton erklärt, was Emerging Markets stark macht, wo Chancen sowie Risiken entstehen und wie Anleger sie sinnvoll ins Depot holen können.


Was sind „Schwellenländer“ – und warum spielen sie eine so große Rolle für Anleger in Deutschland?

Timo Spies: Schwellenländer, auch Emerging Markets genannt, sind Volkswirtschaften, die sich in einem fortschreitenden Entwicklungsstadium befinden, jedoch noch nicht alle Merkmale eines voll entwickelten Industrielandes wie Deutschland oder Japan aufweisen. Industrieländer verfügen dabei in der Regel über ein höheres Pro-Kopf-Einkommen, stabilere politische Verhältnisse und eine höhere soziale Absicherung. Schwellenländer profitieren dagegen von einem höheren Wirtschaftswachstum, steigendem Binnenkonsum und einer wachsenden Mittelschicht. 

Für viele Anlegerinnen und Anleger in Deutschland steht die private Altersvorsorge im Mittelpunkt der Anlageentscheidung. Aufgrund des langfristigen Anlagehorizonts spielen kurzfristige Schwankungen eine weniger große Rolle – vielmehr ist entscheidend, wo das Wachstum der Zukunft entsteht. Aktuell sind es vor allem Schwellenländer, die das globale Wirtschaftswachstum antreiben. Ihr Anteil ist in den letzten zehn Jahren deutlich gestiegen und vieles spricht dafür, dass dieser Trend anhält. 


Wenn nun jemand in Schwellen­länder investieren möchte: Worin liegt der Unterschied zwischen einem Direktinvestment in einzelne Länder und einer breit gestreuten ETF-Lösung?

Timo Spies: Da die Entwicklung in den einzelnen Schwellenländern sehr unterschiedlich ist, spricht vieles dafür, das Potenzial einzelner Regionen gezielt über einen Einzelländer-ETF auszunutzen. Dies erfordert jedoch einen erheblichen Mehraufwand an eigenem Research vonseiten der Anlegerinnen und Anleger. 

Wer diesen Mehraufwand nicht betreiben möchte, dem empfehlen wir eine Investition in einen breit gestreuten Schwellenländer-ETF, der mehr Diversifikation bietet und Einzelländer-Risiken reduziert. 


In Ihren Vorträgen sprechen Sie vom „asiatischen Jahrhundert“. Welche strukturellen Trends machen Asien derzeit so stark – und welche Länder profitieren davon besonders?

Timo Spies: Aus unserer Sicht sind es drei große Trends, die die derzeitige Entwicklung der asiatischen Schwellenländer prägen:

Trend Nr. 1: Technologische Transformation
Viele asiatische Schwellenländer investieren massiv in Künstliche Intelligenz, Robotik oder die Halbleiterproduktion und nehmen in diesen Bereichen bereits heute eine führende Rolle ein. Taiwan belegt weltweit eine Spitzenposition in der Halbleiterproduktion, während Korea vor allem bei Halbleiterspeichern stark positioniert ist. China hat in diesem Jahr einen regelrechten KI-Boom entfacht, unter anderem durch die erheblichen Fortschritte von Unternehmen wie DeepSeek im Bereich der Künstlichen Intelligenz. 

Trend Nr. 2: Demografische Entwicklung
Die demografische Entwicklung in den Schwellenländern ist extrem heterogen. Einige Länder wie Indonesien und Indien verfügen über eine junge, stark wachsende Bevölkerung, die einen dynamischen Arbeitsmarkt und eine steigende Konsumnachfrage vorantreibt. In den technologisch fortschrittlichen und stark industrialisierten Regionen wie Korea, Taiwan und China sieht die Entwicklung dagegen weniger gut aus. Hier sollen vor allem technologische Innovationen im Bereich der Robotik der negativen demografischen Entwicklung entgegenwirken. 

Trend Nr. 3: Neugestaltung globaler Lieferketten
Zunehmende geopolitische Spannungen, wie der Handelskonflikt unter US-Präsident Donald Trump, sorgen dafür, dass viele Unternehmen ihre Produktionsstandorte und Rohstofflieferanten vermehrt diversifizieren. Dadurch eröffnen sich Chancen für Länder wie Indien oder Vietnam, die mehr ausländische Direktinvestitionen anziehen können.


Viele Anleger sind unsicher, wenn sie an politische Spannungen oder Zölle denken. Wie stark beein­flussen geopolitische Faktoren die Entwicklung von Schwellen­ländern tatsächlich?

Timo Spies: Auch in diesem Bereich variiert der Einfluss auf die einzelnen Schwellenländer stark. Für Länder, die eine hohe Exportquote in die USA aufweisen, stellen die Zollbestimmungen eine große ökonomische Belastung dar. Andere Länder wie Brasilien oder Indien profitieren dagegen von der Neugestaltung globaler Lieferketten. So plant Apple, einen Großteil der in den USA verkauften iPhones künftig in Indien produzieren zu lassen, während Brasilien durch eine Umverlagerung der globalen Nachfrage zu einem der weltweit größten Agrarexporteure aufgestiegen ist. Die geopolitischen Spannungsfelder bieten somit Chancen und Risiken zugleich.


Franklin Templeton bietet eine Reihe von ETFs mit Fokus auf Asien und Schwellenländer an. Welche Kriterien sind bei der Auswahl solcher Fonds für langfristige Anleger entscheidend?

Timo Spies: Zunächst sollten Anlegerinnen und Anleger die Frage beantworten, ob sie lieber in Einzelländer- oder in breit gestreute Schwellenländer-ETFs investieren möchten. Auch eine Kombination aus beiden Bereichen ist möglich. Dies zeigt sich vor allem an der steigenden Beliebtheit von ex-China-Strategien. Diese klammern China bewusst aus dem Index aus, sodass Anlegerinnen und Anleger China anhand der eigenen Präferenzen prozentual im Portfolio allokieren können. 

Wir von Franklin Templeton ETFs sind mit vielen unserer Schwellenländer-ETFs die kostengünstigsten am Markt, sodass langfristig orientierte Investoren mit einer geringen Gesamtkostenquote (TER) planen können 


Wenn Sie einen langfristigen Investmentausblick wagen: Welche Rolle werden Schwellenländer in den nächsten 10 bis 20 Jahren in einem global diversifizierten Portfolio spielen?

Timo Spies: Bereits heute haben Schwellenländer einen Anteil von über 50 % am globalen Wirtschaftswachstum. Prognosen des Internationalen Währungsfonds (IWF) zufolge werden China, Indien, Indonesien und Brasilien bis 2030 in den Top 10 der größten Länder nach BIP vertreten sein. Wir gehen davon aus, dass sich dieser Trend in den kommenden Jahren fortsetzen wird. Demnach werden Schwellenländer allein aufgrund ihrer wirtschaftlichen Größe in den kommenden Jahren in einem global diversifizierten Portfolio unverzichtbar sein.


Welche häufigen Risiken sollten beim Investment in Schwellenländer-ETFs beachtet werden – speziell im Hinblick auf Währungs-, politische oder regulatorische Risiken?

Timo Spies: Gerade in Zeiten geopolitischer Unsicherheiten oder schwankender Rohstoffpreise können lokale Schwellenländerwährungen stark unter Druck geraten. 

Regulatorische Risiken in Form von Markteintrittsbarrieren für ausländische Investoren führten in der Vergangenheit insbesondere bei westlichen Investoren zu Unmut. Auch wenn diese Barrieren von Jahr zu Jahr verringert werden, bleiben regulatorische Risiken bestehen. Beispielsweise gehört Korea dieses Jahr zu den Top-Performern am Aktienmarkt t. Ein Grund dafür ist die Verbesserung der Corporate Governance nach japanischem Vorbild. Mehr Transparenz, Aktienrückkäufe und ein klarer Fokus auf Shareholder Value sollen den sogenannten „Korea-Abschlag” reduzieren. Solche Entwicklungen können zwar bestimmte Marktsegmente beeinflussen, ändern jedoch nichts daran, dass politische und regulatorische Eingriffe ein strukturelles Risiko in Schwellenländern darstellen. Potenzielle Investoren sollten diese Risiken bei ihrer Anlageentscheidung weiterhin berücksichtigen. 


Wie viel Anteil sollte ein Schwellenländer-ETF idealerweise im Gesamtdepot haben – und wie wirkt sich eine Beimischung auf die Diversifikation aus?

Timo Spies: Dies ist stark von den individuellen Präferenzen und Zielen der Investoren abhängig. Wir beobachten bei vielen Anlegerinnen und Anlegern in Deutschland einen groben Richtwert von 15 bis 20 %. Jedoch sorgt jeder Prozentpunkt mehr Schwellenländeranteil im Portfolio für ein verändertes Exposure gegenüber unterschiedlichen Wachstumstreibern und globalen Konjunkturzyklen im Vergleich zu Industrieländern. 


Wie unterscheiden sich verschiedene Indizes und ETFs für Schwellenländer – etwa in Bezug auf Länder-, Branchen- oder Marktkapitalisierungsschwerpunkte?

Timo Spies: Wir von Franklin Templeton verwenden in unseren Schwellenländer-Indizes den Indexanbieter FTSE statt MSCI. Obwohl die Zusammensetzung der Indizes beider Anbieter recht ähnlich ist, gibt es bei der Länderklassifikation kleinere Unterschiede. So stuft FTSE Korea und Polen beispielsweise als entwickelte Länder ein, wohingegen MSCI diese als Schwellenländer einstuft. Andererseits hat FTSE beschlossen, Vietnam im Jahr 2026 als Schwellenland einzustufen, wodurch dieses in den Index aufrücken wird. 

Zudem erfreuen sich, wie bereits erwähnt, vor allem ex-China-Strategien großer Beliebtheit bei Investoren. Aber auch ETFs, die nur auf die Wachstumstreiber in Asien setzen, verzeichnen steigende Mittelzuflüsse. 


Lohnt sich ein Investment in Schwellenländer jetzt – oder ist „der Zug schon abgefahren“? Wie schätzen Sie das Chancen-Risiko-Verhältnis aus heutiger Sicht ein?

Timo Spies: Timo Spies: Obwohl viele Schwellenländer in diesem Jahr eine beeindruckende Entwicklung hingelegt haben, sind viele Aktien aus Schwellenländern noch immer günstiger bewertet als ihre Pendants aus Industrieländern. Zudem sorgen die strukturellen Wachstumstreiber der technologischen Transformation, demografischen Entwicklung und Neugestaltung globaler Lieferketten für langfristiges Wachstumspotenzial.

Kurzfristige Schwankungen gehören jedoch auch im Bereich der Schwellenländer dazu. Viele von ihnen weisen weiterhin individuelle Währungs-, politische oder regulatorische Risiken auf. Diese sollten bei einem langfristigen Anlagehorizont jedoch weniger stark ins Gewicht fallen. 

Fazit: Schwellenländer bleiben ein zentraler Wachstumsmotor der Weltwirtschaft – heute und in Zukunft. Wie Timo Spies zeigt, prägen technologische Innovation, demografische Dynamik und neu geordnete Lieferketten die langfristigen Perspektiven dieser Regionen. Für Anleger eröffnet das attraktive Chancen: sei es über breit gestreute Schwellenländer-ETFs, gezielte Einzelländerstrategien oder moderne ex-China-Ansätze. Trotz politischer oder währungsbedingter Risiken spricht vieles dafür, dass Emerging Markets in global diversifizierten Portfolios eine immer wichtigere Rolle spielen werden.

Externe Quellen spiegeln nicht die Meinung von flatexDEGIRO wider

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